25 Dezember, 2006

dekonstruktion

...
"So gingen mit Arbeit und Reisen, mit Lernen, Lesen, Sammeln und Genießen die Jahre. Eines Novembermorgens 1931 wachte ich auf und war fünfzig Jahre alt. [...] Alles schien erreicht, das Schicksal gebändigt. Die Sicherheit, die ich in der Frühzeit meines Elternhauses gekannt und die im Kriege verlorengegangen war, sie war wiedergewonnen aus eigener Kraft.
Was blieb noch zu wünschen?
Aber sonderbar - gerade dass ich in dieser Stunde nichts zu wünschen wusste, schuf mir ein geheimnisvolles Unbehagen. Wäre es wirklich gut, fragte etwas in mir - ich war es nicht selbst -, wenn dein Leben so weiterginge, so windstill, so geregelt, so einträglich, so bequem, so ohne neue Anspannung und Prüfung? [...] Wäre es nicht besser für mich - so träumte es in mir weiter -, etwas anderes käme, etwas Neues, etwas das mich unruhiger, gespannter, jünger machte, indem es mich herausforderte zu neuem und vielleicht noch gefährlicherem Kampf? Immer haust ja in jedem Künstler ein geheimnisvoller Zwiespalt: wirft in das Leben wild herum, so seht er sich nach Ruhe; aber ist ihm Ruhe gegeben, so sehnt er sich in die Spannungen zurück. So hatte ich an diesem fünfzigsten Geburtstage im tiefsten nur den einen frevlerischen Wunsch: etwas möchte geschehen, das mich noch einmal wegrisse von diesen Sicherheiten und Bequemlichkeiten, das mich nötigte, nicht bloss fortzusetzen, sondern wieder anzufangen.
War es Angst vor dem Alter, vor dem Müdesein, vor dem Trägewerden? Oder war es geheimnisvolle Ahnung, die mich damals ein anderes, ein härteres Leben um der inneren Entfaltung willen begehren ließ?
Ich weiß es nicht. [...]
Es war bloß ein flüchtiger Gedanke, der mich anwehte, vielleicht gar nicht mein eigener Gedanke, sondern einer, der aus Tiefen kam, um die ich nicht wusste. Aber die dunkle Macht über meinem Leben, sie, die unfassbare, die mir so vieles schon erfüllt, was ich selbst nie zu wünschen mich erdreistet, musste ihn vernommen haben. Und schon hob sie folgsam die Hand, um mir mein Leben bis ins letzte Fundament zu zerschlagen und mich zu nötigen, aus seinen Trümmern ein völlig anderes, ein härteres und schweres, von Grund auf neu aufzubauen."
....
"Immer war nur das Schaffen meine Freude, nie das Geschaffene. So klage ich dem einst Besessenen nicht nach. Denn wenn wir Gejagten und Vertriebenen in diesen Zeiten, die jeder Kunst und jeder Sammlung feind sind, eine Kunst noch neu zu lernen hatten, so war es die des Abschiednehmens von allem, was einstens unser Stolz und unsere Liebe gewesen."
....
"Nichts schadet dem geistigen Menschen mehr als Mangel an Widerstand, gerade der Widerstand ist es der einen verjüngt." (Benedetto Croce) Aber einige Jahre mussten erst vergehen, bis auch ich verstand, dass Prüfung herausfordert, Verfolgung bestärkt und Vereinsamung steigert, sofern sie einen nicht zerbricht. Wie alle wesentlichen Dinge des Lebens lernt man derlei Erkenntnisse nie an fremden Erfahrungen, sondern immer nur an dem eigenen Schicksal."
(Stefan Zweig "Die Welt von gestern")
...
Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich, eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, dass es mir und meiner Arbeit so gut und gastlich Rast gegeben. Mit jedem Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt, und nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Heimat meiner Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet. Aber nach dem 60. Jahre bedürfte es besonderer Kräfte, um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen. Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen, nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.

(Stefan Zweig in seinem Abschiedsbrief)
.

Ach Aki .....

...
Suchen Sie immer nach Schauspielern mit traurigen Gesichtern?
Ach, Sie sollten die mal außerhalb der Dreharbeiten sehen. Lustige Kerlchen sind das. Ich stelle sie nur ruhig während des Drehens. Aber sobald ich draußen bin, haben sie viel Spaß. Sie brauchen jemanden, der Drama in ihr Leben bringt.
Und das sind Sie?
Ja.
Dabei sagen Sie, Schauspieler dürfen bei Ihnen nicht schauspielern. Was meinen Sie damit?
Sie sollten nicht mit den Händen wedeln, schreien, lachen oder weinen. Wenn sie wirklich wollen, können sie ein bisschen lächeln – das kann ich dann später rausschneiden.
...
via ZEIT - Aki Kaurismäki

20 Dezember, 2006

Revelations

"My purpose is to make films that will help people to live, even if they sometimes cause unhappiness."
Andrei Tarkovski

Verschiebungen

Und mit der Zeit wird es immer schwieriger, auf diesem schmalen Grat zu bleiben, in dem man dem was kommen wird noch genug Raum lässt, in dem was mal war.
.

16 Dezember, 2006

Baryshnikov - Le Jeune Homme et la Mort


.
Zwar nicht mit Nicolas le Riche, aber um nichts weniger beeindruckend. Vive Roland Petit!
.

11 Dezember, 2006

Wo anfangen bei Rilke?

"Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise Jahrtausende lang;
und ich weiss noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein grosser Gesang."
Rilke

10 Dezember, 2006

.............
Stefan Zweig über Mädchen des 19.Jhdts.:

„Nun kann ich nicht verschweigen, dass diese Unwissenheit den jungen Mädchen von damals andererseits einen geheimnisvollen Reiz verlieh. Diese unflüggen Geschöpfe ahnten, dass es neben und hinter ihrer eigenen Welt eine andere gäbe, von der sie nichts wussten, nichts wissen durften, und das machte sie neugrierig, sehnsüchtig, schwärmerisch und auf eine anziehende Weise verwirrt. Wenn man sie auf der Straße grüßte, erröteten sie – gibt es heute noch junge Mädchen, die erröten? Wenn sie miteinander allein waren, kicherten und tuschelten und lachten sie unablässig wie leicht Betrunkene.
Voll Erwartung nach all dem Unbekannten, von dem sie ausgeschlossen waren, träumten sie sich das Leben romantisch aus, waren aber gleichzeitig voll Scham, dass jemand entdecken könnte, wie sehr ihr Körper nach Zärtlichkeiten verlangte, von denen sie nichts Deutliches wussten. Eine Art leiser Verwirrung irritierte unablässig ihr ganzes Gehabe.
Sie waren mehr Mädchen, als die Mädchen es heute sind, und weniger Frauen, in ihrem Wesen der exotischen Zartheit von Treibhauspflanzen ähnlich, [...] : das kunstvoll gezüchtete Produkt einer bestimmten Erziehung und Kultur.“

Stefan Zweig „Die Welt von Gestern“

07 Dezember, 2006

petite lecon de .....

.....
Abbas Kiarostami

Often your films don't provide us with complete information about the characters or the story, and you've been quoted as saying that one reason is because-I'm paraphrasing--the viewer is part of the creative process. It's up to us to make sense of the material, and each of us will do that differently. How does this idea-each individual coming to his or her own understanding of a film-match with the idea that we're all basically the same since we share a common humanity?
It's a difficult question. People do have different ideas, and my wish is that all viewers should not complete the film in their minds the same way, like crossword puzzles that all look the same no matter who has solved them. Even if it's "filled out" wrong, my kind of cinema is still "correct" or true to its original value. I don't leave the blank spaces just so people have something to finish. I leave them blank so people can fill them according to how they think and what they want. In my mind, the abstraction we accept in other forms of art-painting, sculpture, music, poetry-can also enter the cinema. I feel cinema is the seventh art, and supposedly it should be the most complete since it combines the other arts. But it has become just storytelling, rather than the art it should really be.
...
There are some filmmakers who say what you just said and proceed to make films that don't tell stories-that really are abstract, with form and color and movement but without pictures conveying a narrative. Has that approach ever interested you?
Every movie should have some kind of story. But the important thing is how the story is told-it should be poetic, and it should be possible to be seen in different ways. I have seen movies that didn't attract me or make a lot of sense while I was looking at them, but there were moments in them that opened a window for me and inspired my imagination. I have left many films in the middle because I felt I already had an ending. I felt quite complete and fulfilled with the movie, and if I stayed longer that feeling would be ruined, because it would keep telling me more and forcing me to judge who is the good guy, who is the bad guy, and what's going to happen to them. I prefer to finish it my own way!
.....
I want to create the type of cinema that shows by not showing. This is very different from most movies nowadays, which are not literally pornographic but are in essence pornographic, because they show so much that they take away any possibility of imagining things for ourselves. My aim is to give the chance to create as much as possible in our minds, through creativity and imagination. I want to tap the hidden information that's within yourself and that you probably didn't even know existed inside you. We have a saying in Persian, when somebody is looking at something with real intensity: "He had two eyes and he borrowed two more." Those two borrowed eyes are what I want to capture-the eyes that will be borrowed by the viewer to see what's outside the scene he's looking at. To see what is there and also what is not there.
...
It depends on the experiences and the mental capacity of the viewer. I myself don't know for sure. It depends on what the viewer's urge is-to fill out the gaps in the story, or to think about something more spiritual. Many viewers have found my movies much more beautiful than what I actually made, and that comes from themselves, from the way they approached the film. They have used my movie to bring out information they have inside themselves. In my movies I want to tap that inside, hidden information that you probably didn't even know existed inside you.
....
A sentence from [Romanian-French philosopher E.M. Cioran] helped me a lot: "Without the possibility of suicide, I would have killed myself long ago." The movie [Taste of Cherry] is about the possibility of living, and how we have the choice to live. Life isn't forced on us. That's the main theme of the movie.

01 Dezember, 2006

petite lecon de .....

Luc Dardenne
aus
"Au dos de nos images"
...
Die Kunst rettet weder die Welt noch die Menschen. Sie kommt danach. Zu spät. Sie kommt nachdem der Mord begangen wurde. Sie erlaubt sich daran zu erinnern, aber nicht ihn zu verhindern, noch zu verhindern, dass er erneut begangen wird. Warum also weitermachen? Warum filmen? Warum? Warum, wenn wir uns sicher sind, das niemals ein Kunstwerk die Hand eines Attentäters aufhalten wird? Vielleicht weil wir uns nicht sicher sind.
...
Die größte Gefahr für den Künstler: die Komplimente derer, die ihn umgeben und die oft – ohne es zu wissen, mit guten Absichten – an seinem Untergang mitarbeiten. Verweigere jede wohlwollende Entourage, jede Form eines „Hofes“. Einsam bleiben. Zweisame Einsamkeit in unserem Fall, die nur existieren kann, wenn der jeder für sich bleibt, sich nicht in den „Hof“ des anderen verwandelt. Keinerlei Zugeständnis an sich selbst. Keinerlei Zugeständnis für den anderen.
...
Verweigern aller Vorschläge was die Finanzierung, das Casting angeht, alle Angebote des „technischen Komforts“ der uns erlauben würde einen „ großen Film“ zu machen. Zu jung um zu sterben.
...
Angeblich hat Mozart über einige seiner Konzerte gesagt: „ Das ist brilliant, aber es fehlt an Armut.“