27 Jänner, 2007

Die Unsicherheit der Zeichen

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ZEICHEN: Sei es, dass es ihm seine Liebe beweisen will, sei es, dass es sich zu enträtseln müht, ob der Andere es liebt: dem liebenden Subjekt steht keinerlei sicheres Zeichensystem zur Verfügung.

1. Ich suche Zeichen, aber wofür? Was ist das Objekt meiner Lektüre? Ist es jenes: werde ich geliebt (nicht mehr geliebt, noch immer geliebt)? Ist es meine Zukunft, die ich zu lesen versuche, wenn ich in dem, was „geschrieben“ steht, die Verkündigung dessen entziffere, was mir zustoßen wird, anhand eines Verfahrens, das sich gleichzeitig auf die Paläographie und die Mantik beruft? Ist es letztlich nicht eher so, dass ich von jener Frage abhängig bleibe, auf die ich vom Gesicht des Anderen unermüdlich die Antwort fordere: was bin ich wert?

2. Die Macht des Imaginären ist unmittelbar-direkt: ich suche das Bild nicht, es springt mir abrupt ins Auge. Erst später besinne ich mich wieder darauf und lasse unaufhörlich das gute und das schlechte Zeichen abwechseln: „ `Sie haben meine volle Achtung!´ Was sollen diese paar Worte besagen? Gibt es etwas Kälteres? Oder ist es die vollkommene Rückkehr zur einstigen Intimität? Ist es eine höfliche Art, die unbequeme Auseinandersetzung abzuschneiden?“ Wie Stendhals Octave weiß ich nie, was normal ist; jeder Einsicht beraubt (ich weiß es), möchte ich mich, um über eine Interpretation zu entscheiden, wieder dem gesunden Menschenverstand anvertrauen; aber der gesunde Menschenverstand liefert nur widersprüchliche Anhaltspunkte: „Was willst du, es ist doch einfach nicht normal, mitten in der Nacht aufzustehen und erst vier Stunden später heimzukommen!“ „Aber ja, es ist durchaus normal, einen Spaziergang zu machen, wenn man nicht schlafen“ usw. Demjenigen, der die Wahrheit wissen will, wird mit starken und lebhaften Bildern geantwortet, die aber mehrdeutig, schillernd werden, sobald man versucht, sie in Zeichen zu verwandeln: wie in der Mantik muss sich der ratsuchende Liebende seine Wahrheit selbst zusammenklauben.

aus: Roland Barthes "Fragments d´un discours amoureux"

Entwertung

ENTWERTUNG: Sprachwirbel, im Zuge dessen sich das Subjekt, unter dem Druck der Liebe selbst, bewogen fühlt, das Liebesobjekt zu entwerten: aufgrund einer Perversion, die strenggenommen Perversion der Liebesbeziehung ist, liebt das Subjekt die Liebe, nicht das Objekt.

1.
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Es genügt, dass ich den Anderen blitzartig als eine Art träges, gleichsam ausgestopftes Objekt wahrnehme, um meiner Begierde nach diesem entwerteten Objekt wieder auf meine Begierde selbst zurückzuführen; es ist mein Verlangen, das ich verlange, und das geliebt Wesen ist nicht mehr als sein Helfershelfer. Ich gerate ins Schwärmen beim Gedanken an eine derart wichtge Ursache, die die Person, die ich zum Vorwand genommen habe, weit hinter sich lässt (wenigstens sage ich mir das, glücklich, mich selbst erhöhen und den Anderen erniedrigen zu können) : ich opfere das Bild dem Imaginären.
Und wenn der Tag kommt, an dem ich mich dazu entschließen muss, auf Anderen zu verzichten, so ist die heftige Trauer, die mich dann ergreift, die Trauer um das Imaginäre selbst: es war mir eine teure Struktur, und ich beweine den Verlust der Liebe, nicht dieser oder jener Person.
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aus: Roland Barthes "Fragments d´un discours amoureux"

"Ich bin verrückt"

VERRÜCKT: Das liebende Subjekt wird von der Vorstellung heimgesucht, verrückt zu werden oder zu sein.

1. Ich bin verrückt, weil ich verliebt bin, ich bin es nicht weil ich es aussprechen kann, mein Bild verdoppelt sich: in meinen eigenen Augen wahnwitzig (ich kenne meinen Wahn), lediglich unvernünftig in denen des Anderen, dem ich meine Verrücktheit sehr einsichtig gestehe: mir dieser Verrücktheit bewusst, sie in Sprache bannend.
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3. Seit hundert Jahren glaubt man der (literarische) Wahn bestünde in der Formel: „Ich ist ein anderer“, der Wahn sei eine Depersonalisierungserfahrung. Für mich als liebendes Subjekt ist er das genaue Gegenteil: es ist das Subjektwerden, das Sich-nicht-enthalten-Können, Subjekt zu sein, was mich verrückt macht. Ich bin kein anderer: Eben das nehme ich mit Entsetzen wahr.

(Eine Zen-Geschichte: ein alter Mönch ist in brütender Hitze damit beschäftigt, Pilze zum Trocknen auszubreiten. „Warum lasst ihr das nicht von anderen besorgen?“ – „Ein anderer ist nicht ich, und ich bin kein anderer. Ein anderer kann nicht die Erfahrung meines Tuns machen. Ich muss die Erfahrung machen, Pilze zum Trocknen auszubreiten.“)
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aus Roland Barthes: "Fragments d´un discours amoureux"
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24 Jänner, 2007

beobachtungen

" Wie viele Leute hatte Swann einen trägen Geist und ermangelte jeglichen Vorstellungsvermögens. Er wusste zwar, dass das Leben voller Kontraste ist, aber was jeden einzelnen im Besonderen betraf, so stellte er sich den Teil von dessen Leben, den er nicht kannte, als identisch mit dem vor, den er kannte. Er stellte sich all das, was man ihm verschwieg, anhand dessen vor, was man ihm erzählt hatte."
"Un amour de Swann"
Marcel Proust

16 Jänner, 2007

14 Jänner, 2007

petite lecon de .....

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Werner Herzog

"Actually, for some time now I have given some thought to opening a film school. But if I did start one up you would only be allowed to fill out an application form after you have walked alone on foot, let's say from Madrid to Kiev, a distance of about five thousand kilometres. While walking, write. Write about your experiences and give me your notebooks. I would be able to tell who had really walked the distance and who had not. While you are walking you would learn much more about filmmaking and what it truly involves than you ever would sitting in a classroom. During your voyage you will learn more about what your future holds than in five years at film school. Your experiences would be the very opposite of academic knowledge, for academia is the death of cinema. It is the very opposite of passion."
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"At my utopian film academy I would have students do athletic things with real physical contact, like boxing, something that would teach them to be unafraid. I would have a loft with alot of space where in one corner there would be a boxing ring. Students would train every evening from eignt to ten with a boxing instructor: sparring, somersaulting (backwards and forwards), juggling, magic card tricks. Whether or not you would be filmmaker by the end I do not know, but at least you would come out as an athlete."
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"I have the impression that the images that surround us today are worn out, they are abused and useless and exhausted. They are limping and dragging themselves behind the rest of our cultural evolution. When I look at the postcards in tourist shops and the images and advertisements that surround us in magazines, or I turn on the television, or if I walk into a travel agency and see those huge posters with that same tedious and rickety image of the Grand Canyon on them, I truly feel there is something dangerous emerging here. The biggest danger, in my opinion, is television because to a certain degree it ruins our vision and makes us very sad and lonesome. Our grandchildren will blame us for not having tossing hand-grenades into TV stations because of commercials. Television kills our imagination and what we end up with are worn out images because of the inability of too many people to seek out fresh ones."
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"It is my firm belief, and I say this as a dictum, that all these tools now at our disposal, these things part of of this explosive evolution of means of communication, mean we are now heading for an era of solitude. Along with this rapid growth of forms of communication at our disposal - be it fax, phone, email, internet or whatever - human solitude will increase in direct proportion."
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"To me, adventure is a concept that applies only to those men and women of earlier historical times, like the mediaeval knights who travelled into the unknown. The concept has degenerated constantly since then... I absolutely loathe adventurers, and I particularly hate this old pseudo-adventurism where the mountain climb becomes about confronting the extremes of humanity."

07 Jänner, 2007

Haben wollen

"Viele Menschen benutzen Geld, das sie nicht haben, für den Kauf von Dingen, die sie nicht brauchen, um damit Leuten zu imponieren, die sie nicht mögen."
Walter Slezak