....
ZEICHEN: Sei es, dass es ihm seine Liebe beweisen will, sei es, dass es sich zu enträtseln müht, ob der Andere es liebt: dem liebenden Subjekt steht keinerlei sicheres Zeichensystem zur Verfügung.
1. Ich suche Zeichen, aber wofür? Was ist das Objekt meiner Lektüre? Ist es jenes: werde ich geliebt (nicht mehr geliebt, noch immer geliebt)? Ist es meine Zukunft, die ich zu lesen versuche, wenn ich in dem, was „geschrieben“ steht, die Verkündigung dessen entziffere, was mir zustoßen wird, anhand eines Verfahrens, das sich gleichzeitig auf die Paläographie und die Mantik beruft? Ist es letztlich nicht eher so, dass ich von jener Frage abhängig bleibe, auf die ich vom Gesicht des Anderen unermüdlich die Antwort fordere: was bin ich wert?
ZEICHEN: Sei es, dass es ihm seine Liebe beweisen will, sei es, dass es sich zu enträtseln müht, ob der Andere es liebt: dem liebenden Subjekt steht keinerlei sicheres Zeichensystem zur Verfügung.
1. Ich suche Zeichen, aber wofür? Was ist das Objekt meiner Lektüre? Ist es jenes: werde ich geliebt (nicht mehr geliebt, noch immer geliebt)? Ist es meine Zukunft, die ich zu lesen versuche, wenn ich in dem, was „geschrieben“ steht, die Verkündigung dessen entziffere, was mir zustoßen wird, anhand eines Verfahrens, das sich gleichzeitig auf die Paläographie und die Mantik beruft? Ist es letztlich nicht eher so, dass ich von jener Frage abhängig bleibe, auf die ich vom Gesicht des Anderen unermüdlich die Antwort fordere: was bin ich wert?
2. Die Macht des Imaginären ist unmittelbar-direkt: ich suche das Bild nicht, es springt mir abrupt ins Auge. Erst später besinne ich mich wieder darauf und lasse unaufhörlich das gute und das schlechte Zeichen abwechseln: „ `Sie haben meine volle Achtung!´ Was sollen diese paar Worte besagen? Gibt es etwas Kälteres? Oder ist es die vollkommene Rückkehr zur einstigen Intimität? Ist es eine höfliche Art, die unbequeme Auseinandersetzung abzuschneiden?“ Wie Stendhals Octave weiß ich nie, was normal ist; jeder Einsicht beraubt (ich weiß es), möchte ich mich, um über eine Interpretation zu entscheiden, wieder dem gesunden Menschenverstand anvertrauen; aber der gesunde Menschenverstand liefert nur widersprüchliche Anhaltspunkte: „Was willst du, es ist doch einfach nicht normal, mitten in der Nacht aufzustehen und erst vier Stunden später heimzukommen!“ „Aber ja, es ist durchaus normal, einen Spaziergang zu machen, wenn man nicht schlafen“ usw. Demjenigen, der die Wahrheit wissen will, wird mit starken und lebhaften Bildern geantwortet, die aber mehrdeutig, schillernd werden, sobald man versucht, sie in Zeichen zu verwandeln: wie in der Mantik muss sich der ratsuchende Liebende seine Wahrheit selbst zusammenklauben.
aus: Roland Barthes "Fragments d´un discours amoureux"
