ZEIT: Ist es eigentlich ermüdend, immer Avantgarde zu sein?
Godard: Ja. Vielleicht ist es weniger ermüdend Arrièregarde zu sein. Dann kann man die Hauptstraße noch leichter verlassen.
ZEIT: Inzwischen ist die Filmgeschichte um einiges unübersichtlicher geworden. Es gibt viel mehr Filme.
Godard: Mehr Filme, aber wenig Kino. In den Kritiken für die Cahiers du Cinéma schrieben wir manchmal: »Das ist ein Film, aber kein Kino.« Oder auch: »Das ist Kino, aber kein Film.«
ZEIT: "Kino", haben Sie einmal gesagt, "heißt geben, aber davor muss man empfangen."
Godard: Das ist, glaube ich, der Unterschied zum Digitalen. Als die Fotografie erfunden wurde, ging es um einen technischen Vorgang, bei dem das Material Licht empfing. Im Kino kann der Projektor dieses Licht zurückgeben. Heute wird nichts mehr empfangen, sondern nur noch eingefangen. Bei der digitalen Technik spricht man im Französischen ja auch von capteur, Aufnehmer. Die Oberfläche des Bildschirms ist an jedem Punkt gleich, man könnte auch von der Demokratie der Pixel sprechen. Dieses Bild ist sehr glatt und kompakt. Das ist verführerisch, denn von Anfang an hat man im Kino nach diesem gleichmäßigen Licht gesucht. So wie im Fernsehen, wo die Moderatoren keinen Schatten haben. Alles soll gleichermaßen hell sein. Aber das Leben rächt sich, denn man sieht, dass es im Fernsehen falsch repräsentiert wird, weil nicht immer und überall das gleiche Licht herrschen kann.
ZEIT: Was ist die Nouvelle Vague für Sie heute?
Godard: [...] Was mir wirklich an der Nouvelle Vague gefiel, war der Austausch unter den Regisseuren. Es war eine ziemlich glückliche Zeit. Heute rede ich beim Drehen nur mit den Technikern, und ich weiß nicht, was sie über meinen Film denken.
ZEIT: Setzen Sie sich mit den neuen Medien und Techniken auseinander?
Godard: Ich versuche mitzukommen. Aber die Menschen machen Filme im Internet, weil sie das Bedürfnis haben zu existieren, nicht weil sie etwas sehen wollen. [...] Ich will mich gar nicht über das Gegenwartskino beklagen. Ich sage nur, dass die meisten Regisseure und Dreiviertel der Leute, die jetzt in Berlin Preise bekommen, die Kamera nur benutzen, um selbst zu existieren. Sie benutzen sie nicht, um etwas zu sehen, was man ohne Kamera nicht sieht. So wie ein Wissenschaftler manche Dinge nicht ohne Mikroskop erkennen kann.
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Godard: Was ist das?
ZEIT: Ein Video-iPod. Man kann darauf Fotos und Filme anschauen. Teenies benutzen ihn, um sich morgens in der U-Bahn Fernsehserien anzuschauen, die sie am Vorabend verpasst haben.
Godard: Sollen sie ruhig. Aber dann sollen sie sich auch nicht beschweren.
ZEIT: Worüber denn?
Godard: Dass ihr Liebster sie verlässt. Oder dass die Universitäten privatisiert werden. Oder dass ihr Leben schiefläuft. (lacht) Sie sollen sich nicht beschweren, worüber auch immer.
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