01 September, 2008

Das neue Biedermeier

Manches wird von Hochschulen und Unternehmen der Jugend vorgeworfen, mangelnde Bildung, Disziplin, Durchhaltevermögen, aber niemals: Aufsässigkeit. Und wie auch? Die Praktikanten und Berufsanfänger akzeptieren bis zur Charakterlosigkeit jede Bedingung, jede eingespielte Dummheit, jede ethisch bedenkliche Praxis. Sie blicken aus Rehaugen, die sich nur manchmal melancholisch verschleiern, auf die raue Welt der Wirtschaft und Politik und scheinen den Schwur getan zu haben, so schnell wie möglich zum Haifisch zu werden, um auch dort zu überleben, wo es von Feinden wimmelt. Denn dass die Welt böse ist, die Berufswelt zumal, das halten sie für gewiss; man hat es ihnen oft genug gesagt. Die gesellschaftliche Großdebatte um Globalisierung und verschärfte Konkurrenz, um Standort und Wettbewerbsfähigkeit ist tief bis in die Psyche vorgedrungen, man könnte auch sagen, sie ist dort eingeschlagen wie ein Meteor und hat einen Krater hinterlassen, in dem alles Leichte und Hoffnungsvolle, alle Fantasie und alles Aufbegehren verschwunden sind.
[...]
Nichts wäre falscher, als ihnen nachzusagen, sie seien unkritisch. Sie glauben aber auch nicht, dass sich die Welt zum Besseren verändern ließe, den privaten Raum vielleicht ausgenommen. Man könnte von einem neuen Biedermeier sprechen, allerdings ohne die Behaglichkeit, die dabei gerne mitgedacht wird, einem Rückzug aufs intime Umfeld, das gleichwohl keinen Schutz verspricht gegen die jederzeit mitgefürchtete Katastrophe der Arbeitslosigkeit. Es ist eine Restaurationsepoche, wie sie Stendhal nach dem Ende Napoleons beschrieben hat, mit der Kälte, dem Duckmäusertum, der Heuchelei und dem Karrierismus; aber ohne vorherige Revolution. Oder sollte man tatsächlich den vorausgegangenen Ruin der sozialistischen Staatenwelt mitdenken, den politischen Bankrott der großen Gesellschaftsutopien?
[...]
An persönlichem Erfolg, sei es im Beruf oder in der Liebe, sind alle interessiert, an Fragen der sozialen Gerechtigkeit eine schwindende Anzahl. Mit dem Vorwurf von Egoismus und Wegduckerei ist das Phänomen nicht erklärt, denn auch der Rückzug aufs Private und das »Ich zuerst« sind nur der Ausdruck einer Depression, die von der Zukunft nichts erwartet. Rette sich, wer kann! Manches spricht dafür, dass die Jugend unsere Gesellschaft zerfallen sieht und nur noch das eigene Überleben sichern will.
[...]
Das macht es der Jugend schwer: Sie ist umringt von Junggebliebenen. So hat sie heute nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie vergisst die Idee des Protests – und beschränkt sich beim »Ausprobieren« auf Musikstile und Müslisorten. Oder sie versucht es mit einer radikal anderen Auflehnung: setzt dem Sturm und Kaufdrang rationale Strenge und Verbindlichkeit, vielleicht eine neue Form der Askese entgegen – und knüpft damit an Tugenden an, die lange Zeit das Alter adelten. Dass sich die Jugend dieser Aufgabe stellt, zeigt sich vorerst in ihrem Scheitern. Auf halbem Weg stolpert sie in die Arme eines altjüngferlichen Biedermeiers.

aus "Die traurigen Streber" Jens Jessen ZEIT 28.8.2008
und "Als Rebellion noch möglich war" Maximilian Probst ZEIT 28.8.2008
.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ich möchte eine neue Form von Protest vorschlagen, und zwar gegen das Konstruktionsprinzip von Wirklichkeit und so konstruierter Vorstellungen, wie man sie unserer Generation gerne durch solche Texte unterschiebt. Die einzig mögliche Form des Protests ist hier die der Gelassenheit. Denn woher dieses Verlangen der Autoren nach einer "protestierenden" Jugend, die sich "auflehnt"? Wozu die Gebetsmühle über verbreitete Lebensängste? Wozu diese historischen Ausflüge? Hier werden Klischees bedient, die einen ebensowenig ansprechen müssen, wie die stereotype Lagebeschreibung dieser Polemik. Das bewundernswerte an diesen Artikeln in der Zeit ist allein die Fähigkeit der Autoren, mit konfligierenden Positionen zu spielen und das Potential der Betroffenheit der Adressaten nutzen zu können, um journalistisch kostenneutral Aufmerksamkeit und Auflagenzahlen zu erreichen. Denn wenn man es sich genau überlegt, dann besteht der Trick des Redaktionsmanagements der Zeit darin, das beschriebene Phänomen zunächst seit Jahren in Periodika des eigenen Hauses und anderer Medienhäuser medial forciert zu haben, um dann - genial - die solchermaßen erzeugte sozialpsychologische Disposition der Adressaten dramaturgisch zu nutzen und in Form einer “Polemik” zu verkaufen, wobei eine Analyse oder instruktive Kritik, wie sie für Die Zeit angemessen wäre, völlig fehlt.(ausführlicher mein Kommentar in meinem Blog)