24 Mai, 2010

"sich darin einrichten ist unmöglich"

UMSCHREIBEN Um sein Unglück zu lindern, setzt das Subjekt seine Hoffnung in eine Kontrollmethode, die es ihm erlaubt, die Wonnen, die ihm die Liebesbeziehung schenkt, zu umschreiben: sich diese Wonnen einerseits zu bewahren, sie in vollen Zügen genießen, andererseits die ausgedehnten depressiven Phasen, die diese Wonnen voneinander trennen, in Undenkbarkeitsparenthesen setzen: das geliebte Wesen jenseits der Wonnen, die es schenkt, „vergessen“.

1. Cicero und später Leibniz unterscheiden zwischen gaudium und laetitia. Gaudium ist die „Lust, die die Seele empfindet, wenn sie den Besitz eines gegenwärtigen oder künftigen Gutes als gesichert betrachtet; und wir sind im Besitz eines derartigen Gutes, wenn es auf solche Weise in unserer Macht ist, dass wir es genießen können, wann wir wollen.“ Laetitia ist eine muntere Fröhlichkeit, „ein Zustand, in dem die Lust in uns die Oberhand hat“ (unter anderen, manchmal widersprüchlichen Empfindungen).
Gaudium ist das, wovon ich träume: einen lebenslangen Besitz genießen. Da ich aber keinen Zugang zum gaudium finden kann, von dem mich tausend Missgeschicke trennen, denke ich daran, mich auf die laetitia zu beschränken: wenn ich mich dazu bewegen ließe, mich an die leichten Freuden zu halten, die der andere mir schenkt, ohne sie durch die sie verklammernde Angst zu verunreinigen, abzutöten ? Wenn ich mir eine anthologische Sicht der Liebesbeziehung zu eigen machen könnte? Wenn ich, auf einer ersten Stufe, einsähe, dass ein großer Kummer Augenblicke reiner Lust nicht ausschließt (wie die Marketenderin in Mutter Courage, die erklärt, dass es „den Frieden im Krieg auch gibt, er hat seine friedlichen Stellen“), und es mir auf einer zweiten Stufe gelänge, systematisch die Gefahrenzonen außer acht zu lassen, die diese Augenblicke der Lust trennen? Wenn ich kopflos, inkonsequent sein könnte ?

2. Dieser Plan ist verrückt, denn das Imaginäre wird eben gerade durch sein Verwachsen (seinen Leim) definiert oder, anders ausgedrückt: durch seine abfärbende Kraft: vom Bild kann nichts vergessen werden; ein selbstquälerisches Gedächtnis hindert daran, die Liebe nach Belieben fahrenzulassen, sich sozusagen weise, vernünftig in ihr einzurichten. Ich kann mir wohl Verfahrenweisen vorstellen, um die Abgrenzung meiner Wonnen zustandezubringen (die Seltenheit der Begegnung auf epikureische Weise in Beziehungsreichtum verkehren; oder den Anderen verlorengeben und folglich immer, wenn er zurückkehrt, die Erleichterung einer Auferstehung verspüren), aber das ist verlorene Mühe: das Unglück, das Pech der Liebe ist unlöslich; man muss es erdulden oder sich davon losmachen : sich darin einrichten ist unmöglich (die Liebe ist weder dialektisch noch reformistisch).
(Traurige Version der Umschreibung von Wonnen: mein Leben ist eine Ruine: manche Sachen bleiben an Ort und Stelle , andere werden zerstreut, stürzen ein: der Verfall.)


Roland Barthes "Fragmente einer Sprache der Liebe" S.216, Suhrkamp
.

Keine Kommentare: